Die Geschichte der Betriebssysteme ist oft lückenhaft, besonders wenn es um die Ära vor der totalen Dominanz von Windows geht. Microsoft hat nun in Zusammenarbeit mit IBM einen weiteren weißen Fleck auf der Landkarte gefüllt. Der Quellcode von MS-DOS 4.00 steht ab sofort unter der MIT-Lizenz auf GitHub zur Verfügung. Das ist mehr als nur ein nostalgischer Rückblick; es ist eine Offenlegung von Code, der fast 45 Jahre alt ist und eine entscheidende Phase der Software-Evolution markiert.
Der Zufallsfund im Archiv von Ray Ozzie
Die Veröffentlichung verdanken wir einer Mischung aus hartnäckiger Forschung und glücklichen Funden. Der Forscher Connor "Starfrost" Hyde stieß bei Korrespondenzen mit dem ehemaligen Microsoft-CTO Ray Ozzie auf einen Schatz: Unveröffentlichte Beta-Binärdateien von DOS 4.0, die Ozzie noch aus seiner Zeit bei Lotus besaß. Diese Disketten enthalten unter anderem Code-Teile, die den Übergang zum Multitasking dokumentieren - ein Feature, das in der Standard-Version von DOS nie den Massenmarkt erreichte.
Multitasking-Experimente und die Verbindung zu OS/2
MS-DOS 4.0 nimmt eine Sonderrolle ein. Während die meisten Nutzer direkt von Version 3.3 auf 5.0 sprangen, experimentierten Microsoft und IBM in der 4.0-Linie bereits mit Konzepten, die über das einfache Single-Tasking hinausgingen. Es gab einen Branch namens "Multitasking DOS", der intern entwickelt wurde, aber nie eine breite Veröffentlichung fand. Die nun zugänglichen Dokumente und Codeschnipsel helfen dabei, die technologische Brücke zwischen den frühen DOS-Versionen und der Entwicklung von OS/2 besser zu verstehen.
Digitale Archäologie mit modernster Hardware
Den Code von 40 Jahre alten 5,25-Zoll-Disketten zu retten, ist keine triviale Aufgabe. Zum Einsatz kamen spezialisierte Tools wie Greaseweazle und der Fluxengine-Controller, um die magnetischen Signale der alten Datenträger präzise auszulesen. Das Ergebnis ist ein sauberes Abbild der Geschichte, das nun für jeden zugänglich ist. Neben dem eigentlichen Assembly-Code wurden auch PDF-Versionen der Original-Dokumentation veröffentlicht, was den Einstieg in die Logik der 8086-Programmierung erleichtert.
So lässt sich MS-DOS 4.0 heute erleben
Wer den Code nicht nur lesen, sondern auch ausführen möchte, braucht keine Museumshardware - obwohl es möglich ist. Die Entwickler haben das System erfolgreich auf Original-IBM-PC-XT-Rechnern getestet, aber auch auf modernen Emulatoren wie 86box oder PCem. Damit wird die Software-Archäologie für jeden zugänglich, der verstehen will, wie man mit extrem begrenzten Ressourcen ein stabiles Betriebssystem baut. Microsoft deutete bereits an, dass die Suche in den Archiven weitergeht - die Geschichte von MS-DOS ist also noch nicht zu Ende geschrieben.
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