In München steht jetzt eine Fabrik, die nichts Materielles herstellt, aber verdammt viel Strom verbraucht. Die Deutsche Telekom hat ihre "Industrial AI Cloud" eröffnet. Wer das Gebäude im Norden der Stadt von außen sieht, vermutet eher ein gewöhnliches Büroprojekt, doch im Inneren arbeiten 10.000 Nvidia-Grafikprozessoren an der digitalen Souveränität Deutschlands. Das Ziel: Die hiesige Industrie soll ihre KI-Modelle nicht mehr zwangsläufig über Server in den USA oder China jagen müssen.
Es geht um Kapazitäten, die man sich im Heimgebrauch kaum vorstellen kann. 20 Petabyte Speicher und fast ein Petabyte Arbeitsspeicher stehen bereit. Die Telekom rechnet vor, dass damit die KI-Rechenleistung in Deutschland auf einen Schlag um 50 Prozent steigt. Das klingt nach einem massiven Upgrade, ist aber auch bitter nötig. Bisher landen etwa 70 Prozent der weltweiten Hochleistungschips in den USA, während Europa mit mickrigen fünf Prozent herumdümpelt.
Die Zielgruppe sind nicht wir Privatnutzer, die mal eben ein Bild generieren wollen. Hier geht es um das schwere Gerät: Automobilbauer und Maschinenbauer, die "digitale Zwillinge" ihrer Fabriken simulieren. Wenn man Aerodynamik oder komplexe Lieferketten berechnet, braucht man lokale Infrastruktur, die unter deutschem Datenschutzrecht läuft. SAP ist als Partner dabei, um die Brücke zur öffentlichen Verwaltung und zu Großunternehmen zu schlagen.
Interessant wird es bei der Frage nach der Unabhängigkeit. Die Telekom investiert eine Milliarde Euro, stellt das Gebäude und die Glasfaser, doch das Herzstück bleibt amerikanisch. Ohne die Chips von Nvidia geht gar nichts. Telekom-Chef Timotheus Höttges gibt offen zu, dass ein "deutscher Nvidia" wünschenswert wäre, man aber mit dem arbeitet, was verfügbar ist. Es ist ein Kompromiss: Die Daten bleiben hier, die Hardware kommt von dort. Immerhin soll der Betrieb ausschließlich durch europäisches Personal erfolgen.
Ein nettes Detail am Rande ist das Kühlkonzept. Anstatt nur Energie zu verballern, nutzt die Anlage das Wasser des Münchner Eisbachs zur Kühlung. Die Abwärme soll direkt in das lokale Heiznetz fließen, um umliegende Büros und Wohnungen zu wärmen. Technisch ist das solide gelöst, jetzt muss die deutsche Wirtschaft nur noch beweisen, dass sie die 10.000 GPUs auch sinnvoll ins Schwitzen bringt. Falls der Bedarf da ist, stehen weitere 10.000 Chips schon auf der Roadmap.
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